Manchmal verändert eine persönliche Erfahrung den Blick auf den eigenen Beruf.
Vor kurzem wurde bei mir eine Nierenteilresektion durchgeführt. Die Operation erfolgte über die Bauchseite. Anatomisch liegt die Niere jedoch retroperitoneal – also hinter dem Bauchfell an der hinteren Bauchwand und damit deutlich näher am Rücken als an der Bauchdecke.
Während der Heilungsphase erwartete ich vor allem Beschwerden im Bereich der Operationsnarben. Stattdessen fiel mir etwas anderes auf.
Ich entwickelte eine ausgeprägte Verspannung der tiefen Rückenmuskulatur auf der operierten Seite – paravertebral im Bereich der unteren Brustwirbelsäule. Gleichzeitig trat genau dort ein intensiver Juckreiz auf.
Zunächst erklärte ich mir die Rückenschmerzen ganz pragmatisch: Nach einer Operation liegt man viel, bewegt sich vorsichtiger und nimmt Schonhaltungen ein. Das allein kann Rückenbeschwerden verursachen.
Doch der Juckreiz machte mich stutzig.
Nicht, weil ich glaubte, dafür sofort eine Erklärung zu haben. Sondern weil Muskelverspannung und Juckreiz an derselben Stelle auftraten – fernab der eigentlichen Operationsnarben. Genau diese Beobachtung brachte mich dazu, mich intensiver mit den neurophysiologischen Zusammenhängen zwischen Organen, Rückenmark und Muskulatur zu beschäftigen.
Ich suchte nach Erklärungen, schaute mir Dermatome und die klassischen Head-Zonen der Niere an – und stellte fest, dass meine Beobachtung sich dort nicht einfach einordnen ließ.
Nicht jede klinische Beobachtung passt sofort in ein bekanntes Schema. Aber sie kann Anlass sein, neue Fragen zu stellen.
Wenn Organe mit Muskeln kommunizieren
In der Humanmedizin sind sogenannte viszerosomatische Reflexe gut beschrieben.
Innere Organe stehen über sensible Nervenfasern mit dem Rückenmark in Verbindung. Dort treffen ihre Signale auf dieselben Rückenmarkssegmente, die auch Haut, Faszien und Muskulatur versorgen.
Wird ein Organ gereizt – etwa durch eine Entzündung, eine Operation oder anhaltende Schmerzen –, kann dies die Aktivität dieser Rückenmarkssegmente beeinflussen. Als Folge kann sich unter anderem der Muskeltonus verändern.
Das bedeutet nicht, dass jede Muskelverspannung ihre Ursache in einem Organ hat.
Aber umgekehrt gilt ebenso: Nicht jede Muskelverspannung entsteht ausschließlich im Muskel.
Diese neurophysiologischen Zusammenhänge sind in der Humanmedizin gut beschrieben.
Lässt sich das einfach so auf Pferde übertragen?
Dafür müsste man sich mit wissenschaftlichen Studien, sofern es diese gibt, beschäftigen.
Was bedeutet das dennoch für unsere Pferde?
Als Pferdephysiotherapeutin behandle ich regelmäßig Pferde mit wiederkehrenden Rückenverspannungen.
Natürlich denke ich dabei an Training, Sattel, Hufbearbeitung, Reiterbalance oder Überlastung. All das sind wichtige Einflussfaktoren.
Doch seit meiner eigenen Erfahrung werde ich zukünftig öfter die Frage stellen:
Ist die Muskulatur wirklich das Problem?
Oder reagiert sie möglicherweise auf etwas, das ganz woanders seinen Ursprung hat?
Gerade beim Pferd denke ich dabei an den Magen.
Bei Pferden mit Magenerkrankungen werden häufig Rückenempfindlichkeit, eingeschränkte Beweglichkeit, Abwehrreaktionen beim Gurten oder Veränderungen der Leistungsbereitschaft beobachtet. Die Ursachen dafür sind wahrscheinlich vielfältig und reichen von Schmerz über veränderte Bewegungsmuster bis hin zu neurophysiologischen Mechanismen.
Ob viszerosomatische Reflexe dabei eine relevante Rolle spielen, möchte ich als Nicht-Veterinärmedizinerin nicht einfach behaupten.
Aus dem Wissen der Humanmedizin erscheint mir dieser Gedanke jedoch als interessante und durchaus plausible Arbeitshypothese.
Eine neue therapeutische Frage
Nicht mehr nur:
Wie bekomme ich diesen Muskel locker?
Sondern auch:
Warum hält das Nervensystem diesen Muskeltonus überhaupt aufrecht?
Vielleicht liegt die Ursache tatsächlich im Bewegungsapparat.
Vielleicht aber lohnt sich auch der Blick auf Stoffwechsel, Magen, andere innere Organe oder andere Belastungsfaktoren.
Nicht, weil jede Rückenverspannung organbedingt ist.
Sondern weil der Körper niemals in einzelnen Systemen arbeitet.
Mein Fazit:
Meine Nierenoperation hat mir keine fertigen Antworten geliefert.
Sie hat mir vielmehr eine neue Frage geschenkt.
Eine Frage, die ich heute auch in meiner Arbeit mit Pferden mitnehme:
Behandeln wir manchmal den Muskel, obwohl das Nervensystem eigentlich auf etwas anderes aufmerksam machen möchte?
Ich möchte meine persönliche Erfahrung ausdrücklich nicht eins zu eins auf das Pferd übertragen. Dafür fehlt mir derzeit das Wissen über die Datenlage.
Aber sie hat meinen therapeutischen Blick erweitert. Hier kommt jetzt im besten Fall der Tierarzt mit ins Spiel.
Manchmal sind es die eigenen Erfahrungen, die uns lehren, genauer hinzusehen.
